Glanzvoller Festauftakt: Biedermeierfreunde flanieren vor dem Casino
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Als am gestrigen Freitagabend das traditionelle Sommerfest der Spielbank Bad Steben seinen Auftakt hatte, hob sich eine Besuchergruppe optisch besonders hervor: Männer, Frauen und sogar einige Kinder, die vor dem postmodernen Casino-Gebäude in historischer Biedermeier-Kleidung flanierten. Viele der übrigen Gäste hatten unwillkürlich das Gefühl, in eine längst vergangene Zeit versetzt worden zu sein – eben in jene Epoche, als das Staatsbad Bad Steben vor 175 Jahren gegründet wurde. Mit dem Sommerfest der Spielbank, das gegen Mitternacht mit einem prächtigen Höhenfeuerwerk endete, begann das 1. Internationale Biedermeiertreffen Deutschlands an diesem Wochenende im Bayerischen Staatsbad.
Auf Einladung des Bad Stebener Geschichtsvereins sind mehrere historische Gruppen aus dem In- und Ausland angereist: der Verein Biedermeier-Fest Heiden aus der Schweiz, der Biedermeier-Verein Eltville am Rhein, der Historische Tanzkreis Bensheim und eine Gruppe aus Wiesenbach. Außerdem mischen sich viele Einzelbesucher in zeitgenössischer Kleidung unter die „Zeitreisenden“. Höhepunkt des Festwochenendes ist ein großer Biedermeierball am heutigen Samstag um 19.30 Uhr im Kurhaus. Am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag findet nachmittags ein Kunsthandwerkermarkt auf dem Kurplatz statt. FOTO: WERNER ROST
Beim 1. Internationalen Biedermeiertreffen in Deutschland zeigten vier Gruppen zeitgenössische Gesellschaftstänze
Ländler, Walzer und andere historische Tänze der Biedermeierzeit führte der Tanzkreis aus Bensheim (Bergstraße) im Bad Stebener Kurhaus auf (rechtes Foto). Christian Schlumpf (mit seiner Frau Corina im linken Foto) aus Heiden im Appenzeller Land (Schweiz), ein europäischer Vorkämpfer für die Pflege des Brauchtums dieser Epoche, zeigte sich von der Bad Stebener Biedermeier-Initiative begeistert. FOTOS: W. R.
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BAD STEBEN – Auf den breiten Wegen im Bad Stebener Kurpark flanierten die Frauen mit ihren weit ausladenden Kleidern zu zweit oder dritt nebeneinander, doch als sie abends das Kurhaus betreten, um den großen Ballabend zu besuchen und zu tanzen, ist Gänsemarsch angesagt. Mit ihren Reifröcken kommen sie gerade durch die Türen.
Der große Kurhaussaal ist an diesem Tag ausverkauft. Schon beim Kartenvorverkauf wurde deutlich, dass das Interesse an diesem Ballabend riesengroß ist. Sogar aus Berlin waren einige Besucher eigens dazu angereist. Die Veranstaltung ist der Höhepunkt des dreitägigen 1. Internationalen Biedermeiertreffens, zu dem die Projektgruppe des Bad Stebener Geschichtsverein eingeladen hat.
Die Bad Stebener Biedermeier-Initiative, die sich anlässlich des 175. Jubiläums des Bayerischen Staatsbades gebildet hatte, übte in den vergangenen Wochen selbst zeitgenössische Tänze. „Hanna Bendorf von der Lichtenberger Volkstanzgruppe brachte uns die Schritte bei“, sagt Wolfgang Heger, der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Das, was er mit seiner Gruppe bald darauf tanzen wird, ist eine Hofer Francaise – ein Gesellschaftstanz, wie er zur Zeit der Staatsbad-Gründung in der Region typisch war.
Heger und der Bad Stebener Kurdirektor Ottmar Lang beginnen den vierstündigen Ballabend mit der Vorstellung der auswärtigen Biedermeiergruppen: Da ist der Historische Tanzkreis aus Bensheim an der Bergstraße. Die begeisterte Tänzerin Waltraud Thron, die diesem Verein seit der Gründung im Jahr 1990 angehört, betont, dass ihre Gruppe neben den Gesellschaftstänzen der Biedermeierzeit auch mittelalterliche Volkstänze sowie höfische Tänze der Renaissance, des Barock und des Rokoko im Repertoire hat. Dagegen hat sich der Biedermeier-Verein aus dem hessischen Eltville (Rheingau) genauso wie die Bad Stebener Gruppe auf eine Epoche spezialisiert. Die beiden anderen historischen Gruppen des Biedermeiertreffens aus Wiesenbach (bei Heidelberg) und aus Heiden im Appenzeller Land (Schweiz) stellen sich zum Ball-Auftakt in ihren farbenprächtigen Kleidern und Uniformen vor, nehmen aber nicht am Tanz teil.
Die vierten Tanzgruppe sollte schließlich das Kontrastprogramm des Abends bilden: die Lichtenberger Volkstanzgruppe, deren Frauen und Männer eine fränkische Tracht tragen, die sich nach Bendorfs Worten nicht auf die Biedermeierzeit fixieren lässt, sondern zeitlos ist.
Die dreiköpfige Bad Stebener Kurkapelle Amoroso, die das Biedermeiertreffen mit ihrem unentgeltlichen Auftritt unterstützt, lädt abwechselnd die Zuschauer und die historischen Gruppen zum Tanz.
Die Lichtenberger beginnen mit den Tanzvorführungen, unterstützt von Richard Spörl an der Konzertina. Werner Köhler, der die Gruppe mit Bendorf leitet, erläutert die Tänze, die für Einheimische einprägsame Namen haben wie „Wo ist denn mei Gerchla“ oder „Mei Schatz ist a Schlamperer, hat alle Tag a andera“. Interessiert beobachten die auswärtigen Tanzgruppen die Lichtenberger. „Ich bin von den Lichtenbergern sehr beeindruckt“, sagt die Bensheimerin Waltraud Thron. „Es ist ein sehr lebendiger Tanz mit sehr vielen Formen, man spürt richtig, mit wie viel Freude die Leute bei der Sache sind“, schwärmt die Tanzexpertin.
Einige dieser Formen sind mit den voluminösen Kleidern, in denen die Frauen der anderen Gruppen auftreten, kaum umzusetzen. Bei den Ländlern und Walzern der Biedermeierzeit geht es langsamer und beschaulicher zu. Die Kleider mit den bereiften Röcken kommen bei diesen Tänzen voll zur Geltung. „Das ist eine ganz andere Art von Tanz als unsere“, meint Hanna Bendorf. „Was wir hier sehen sind Vorführ-Tänze“, sagt Bendorf. Das sei ein großer Unterschied zu den Auftritten ihrer Lichtenberger Gruppe, die zeige, wie früher in den hiesigen Sälen getanzt worden sei.
Das Publikum genießt das Kontrastprogramm und zollt gleichermaßen Applaus. Improvisation ist alles: Zum Abschluss tanzen die Bad Stebener mit den Gästen aus Bensheim und Eltville gemeinsam die Fledermaus-Quadrille von Johann Strauss (Sohn).
Begeistert über das Bad Stebener Biedermeiertreffen zeigt sich an diesem Abend Christian Schlumpf aus Heiden, der in seiner Gruppe den Spitznamen „Mister Biedermeier“ trägt. Gegenüber der Frankenpost sagt Schlumpf, die Bad Stebener hätten einen wichtigen Beitrag zum weiteren Ausbau der internationalen Biedermeierbewegung geleistet. WERNER ROST