
 
Tanzfest im Kronepark in Auerbach„ Von Mozart bis Strauß “
Kissen unter dem Reifrock und Dreispitz auf dem KopfGlanzvolles Tanzfest des Historischen Tanzkreises im Bürgerhaus Kronepark / Prächtige Kostüme von Rokoko bis BiedermeierAuerbach. Wer am Samstagabend zufällig seinen Kopf durch die Tür das Kroneparks steckte, sah sich in eine andere Welt versetzt, an Gemälde alter Meister oder an Filme wie "Gefährliche Liebschaften" erinnert. Bürgerliche und höfische Paare in prächtigen Kostümen aus dem Rokoko, Barock und der Zeit des Biedermeier flanierten angemessenen Schrittes durch den Saal. Oder sie tanzten paarweise, zu mehreren oder im Reigen - wie früher üblich - zu Operettenmelodien von Johann Strauß, zur Musik von Schubert und aus der Oper "Wildschütz" eine Francaise, eine Quadrille (jeweils vier Paare), Sarrabande oder einen schnellen Gigue. Volants, Rüschen und Spitze Jugendliche in wunderschönen, zartfarbenen Kleidern, die dem Original beinahe identisch nachgeschneidert waren, glucksten und kicherten fröhlich und bewegten sich allesamt in ihren ausladenden Reifröcken, als wäre dies das einfachste und normalste der Welt. Für einen Abend waren sie in eine andere Rolle und Identität geschlüpft. Ab und an gab Tanztrainerin Margret Hensel auf der Tanzfläche den Ton an. Alle Tänzerinnen und Tänzer hörten dann nur auf ihre Kommandos. "Von Mozart bis Strauß" hieß das Motto des glanzvollen Tanzfestes, das der Historische Tanzkreis Bensheim zusammen mit Gästen aus der Fuggerstadt Augsburg und Eltville im Bürgerhaus Kronepark zelebrierte. Gastgeber und Gäste hatten sich dem Anlass entsprechend mächtig in Schale geworfen und fühlten sich in ihren Kleidern, die ein üppiges Potpourri aus Seide, Spitze, Volants, Rüschen und Schleifen zierte, sichtlich wohl. Klassiker und farbenfrohe Originalgewänder waren darunter, andere Trägerinnen hatten ihrer Phantasie an der Nähmaschine freien Lauf gelassen. Die eine oder andere Dame bedeckte ihr Dekolletee mit einem kostbaren Schultertuch, das man früher "Fichu" nannte. Taschentuch, Lippenstift und Fächer steckten im Beutelchen "Pompadour". Auf den Bäckchen einiger weiblicher Schönheiten aus dem Rokoko klebten sogar so genannte "Mouches", kleine Pflästerchen, mit denen man früher Hautunreinheiten kaschierte. Selbst Schminke, Frisuren und Kopfbedeckungen waren dem übrigen Outfit originalgetreu angepasst. Die Herren trugen der jeweiligen Epoche angemessen entweder Zylinder oder Dreispitz, Dreiviertelhosen und Schnallenschuhe. Ihre Partnerinnen hatten sich Hüften und Po unter dem Reifrock teilweise noch mit Sofakissen oder so genanntem "Weiberspeck" ausstaffiert. Mollig war zu Zeiten von Madame Pompadour schließlich total "in". Hungerhaken hatten bei der Männerwelt, die darauf aus waren, eine Familie zu gründen, weniger Chancen. Pflege alter Musik und Tänze Der Historische Tanzkreis Bensheim, der jährlich zu seinem großen Tanzfest einlädt, hat sich der Pflege und Erhaltung alter Tänze und Musik zum Ziel gesetzt. Dazu gehören auch Kostümkunde und die Beschäftigung mit den geschichtlichen Hintergründen. Mehr als hundert Mitglieder treffen sich derzeit jeden Donnerstag, beziehungsweise die Jugendlichen jeden Freitag, zu Übungsstunden. An öffentlichen Auftritten mangelt es den Tanzgruppen nicht. Zuletzt sorgten die Bensheimer im vergangenen Monat beim Tag des offenen Denkmals am renovierten Mannheimer Wasserturm für Aufsehen. gs Bergsträsser Anzeiger vom 30.10.2006 |